022 – Der Nachklapper

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[…]

Forbes blickte auf, als es an der Tür seines provisorischen Büros klopfte und Angela Porter den Raum betrat. Der alte Mann wies ihr den Stuhl. Es war ungewöhnlich, eine Einsatzbesprechung hier abzuhalten, pflegte er doch ansonsten einen schon fast paranoiden Umgang damit, aber irgendwie sah seine Miene merklich erleichtert aus. Sie würde sicher bald erfahren, was ihn so erheiterte. Sie war sich nur nicht so sicher, ob sie seine Auffassung teilte.

»Ich habe Sie zu dieser kleinen Nachbesprechung gebeten«, setzte er an, »weil ich mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden bin, und Ihnen noch einmal offiziell für Ihr Engagement und ihre Dienste danken wollte.« Nanu, welchen Clown hatte ihr Vorgesetzter heute bloß verschluckt. So hatte sie ihn nie erlebt. Doch er fuhr unbeirrt fort: »Sehen Sie, heute ist ein guter Tag für die Sache und die Neukalifornische Republik. Sie können stolz darauf sein, einen wichtigen Teil dazu beigetragen zu haben!« – ohne die Miene zu verziehen oder sie aus den Augen zu lassen, schob er Angela einen gefalteten Zettel zu.

»Sir, ich danke Ihnen sehr, Sir! Ich bin stolz, ein Teil der neuen Welt zu sein«, versuchte sie mitzuspielen, bei ihr klang es allerdings stark übertrieben und so wackelte der alte Soldat dezent mit dem Zeigefinger, um ihr zu suggerieren, ein wenig weniger dick aufzutragen. Sie nickte bestätigend. Dann zog sie den Zettel die letzten Zentimeter auf sich zu, nahm ihn auf, entfaltete ihn und las: »Spielen Sie bitte mit! Wir werden abgehört«.

Forbes mochte die Reste des Kalten Krieges in den 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts mitgemacht haben, aber nichts rechtfertigte wirklich diesen Grad an Paranoia. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, hob der Mann vorsichtig den Blumenstock neben seinem Schreibtisch an und aus dem Blumentopf und führte ein kleines Mikrofon hervor, dass er sofort wieder verschwinden ließ, nachdem sie es gesehen hatte. Ob er das selbst dort eingepflanzt hatte? Angela hätte es ihm in jedem Fall zugetraut. Aber wer sollte ein wirkliches Interesse daran haben, dieses Büro abzuhören?

Vielleicht wollte er diese Abhörstation auch zur Streuung falscher Informationen nutzen? Aber warum hatte er sie denn nun wirklich kommen lassen. Eine Belobigung konnte kaum ein Aufhänger für eine Fehlinformation sein, oder doch?

»Verzeihen Sie einem alten Kämpfer, wenn ich manchmal etwas griesgrämig scheine, aber ich habe in meiner aktiven Zeit schon Vieles erlebt. Ich kann verstehen, dass der Tod Ihrer Truppe für Sie ein traumatisches Ereignis gewesen sein muss. Gerade Schneider war ja ein enger Freund.« – Sie wusste immer noch nicht, wohin die Reise gehen sollte. Zögerlich nickte sie und fügte nach einer kurzen Pause noch ein »Ja, ich …«, an, damit das Mikrofon auch etwas zum Aufnehmen hatte. Ob das die einzige Wanze im Raum war?

»Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen, Porter!« Forbes erhob sich und war für sein Alter zügig um den Schreibtisch gegangen, »wenn Sie in Washington DC sind, muss ich Sie um einen kleinen Gefallen bitten«, sprach er, während er den Raum verließ und die Abhöreinrichtung hinter sich ließ. Schweigend folgte sie ihm und kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, versteifte sich seine Miene zur üblichen Härte. »Sie müssen unbedingt an Ihrem Spiel arbeiten. Professionelle Aufklärung täuschen Sie so nicht!« – »Mit allem nötigen Respekt, Sir!«, setzte sie an, doch der alte Mann hob beschwichtigend die Hand. »Das kleine Schmierentheater war leider nicht zu vermeiden. Die Wanze stammt garantiert von unseren Freunden von der Südostlichen Koalition. Diese Mistkäfer meinen, durch mich an Geheimnisse zu kommen. » – »Aber, warum haben Sie mich gerufen, Sir?« – jetzt waren seine Züge so hart geworden, man hätte einen Stahlträger daran zerschmettern können: »Frederiksen ist denunziert, allerdings  haben unsere Bemühungen den gegenteiligen Effekt erzielt. Statt ihn zu verstoßen, wird Frederiksen von van Veidt jetzt auf Entziehungskur geschickt. Mit etwas Glück kommen Sie aber bei dieser Mission unseren unbekannten Freunden etwas näher. Von der Koalition stammen sie nicht. Es muss eine dritte Partei sein, die sich im Norden oder Landesinneren eingegraben hat. Ich möchte Sie bitten, ein besonderes Augenmerk nach Details, die uns ihre Heimatbasis verraten könnten, Ausschau zu halten.«

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