021 – Das Wiedererwachen

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Frederiksen öffnete die Augen und fühlte sich wie überfahren. Alles drehte sich und er lag bäuchlings vor seiner Couch mit einem Speichelfaden im Mundwinkel. Wie lange hatte er geschlafen? Und was hatte er geträumt? Erinnerungsfetzen an eine inzwischen viel zu vertraute Krankenhausszenerie blitzten unter Schichten von Kopfschmerz hindurch. Zögernd drehte er sich auf den Rücken und blinzelte gegen das einströmende Licht an. Eine dumpfe Stimme kam von der anderen Seite der Welt und er konnte sie kaum verstehen, noch verarbeiten, was sie von ihm wollte.

Schwere Augenblicke später wurden aus dem dumpfen, blechernen Singsang Worte, die er erfassen konnte. Dann wurde ihm bewusst, dass Dick Randle, der Mediziner von van Veidts Stab von oben auf ihn herabsah und hart mit ihm ins Gericht ging: »Was haben Sie sich nur dabei gedacht! Mensch, Doktor! Sie sind noch auf Schmerzmittel für Ihren Arm und dann inhalieren Sie dieses Teufelszeug! Sind Sie noch ganz bei Verstand?« – »Doktor? Wo bin ich? Was ist …«, bekam er gerade noch raus, bevor der Arzt zu seiner zweiten Welle ansetzte.

»Das ist schon nicht mehr grob fahrlässig! Das ist einfach nur dumm! Sie sind vielleicht nur noch eine Dosis vom goldenen Schuss entfernt!« – beschwichtigend hob Frederiksen den noch gesunden Arm und signalisierte einen Waffenstillstand. Zumindest versuchte er es, aber er war noch nicht wieder voll da und scheiterte kläglich. »Ich … ich weiß nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass … was mache ich auf dem Boden?« – Er musste wieder diesen eigenartigen Traum gehabt haben, von einer Welt ohne Katastrophe und Leid. Doch das stimmte alles nicht, war eine phantastische Lüge, die sein Unterbewusstsein ihm vorgaukeln musste. »Ich … da war wieder dieser Traum. Und dann bin ich hier aufgewacht. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich nach Hause gekommen und auf der Couch eingeschlafen bin. Aber danach …«.

Abermals schüttelte Doktor Dick Randle den Kopf und gab Eric zu verstehen, wie unglaublich sein Verhalten gewesen war. »Sie spritzen sich dieses Halozinogen von der Straße. Alleine, was Sie sich damit für Krankheiten einfangen können. Von den Schäden für Ihre Psyche gar nicht zu reden. Shangrilla ist zerstörerischer als jede Kneipentour mit anschließendem Wachkoma!« – »Doc, wenn Sie weniger schreien könnten, mir platzt gleich der Schädel!«

»Ich habe van Veidt in Kenntniss gesetzt. Sie sind vorerst beurlaubt, bis Sie sich wieder im Griff haben!«, führte Randle weiter aus, während seine Brille auf der Nase einen seltsamen Tanz vollführte und den Medizinmann eher wie eine Comicfigur wirken ließ. »Wir müssen Sie in einen Entzug schicken, Dr. Frederiksen, es führt kein Weg daran vorbei. Wir werden Sie gleich mit auf die Krankenstation bringen, wo wir Sie besser im Auge haben!« – Frederiksen bäumte sich auf: »Den Teufel werden Sie! Ich habe kein Drogenproblem! Und Sie hören sofort auf zu schreien!«, er hielt kurz inne, um festzustellen, dass er selbst eben geschrien und sein Kopf sich um mindestens 20% vergrößert hatte. Auf einen Wink von Randle waren da plötzlich zwei stämmige Hünen vom Sicherheitsdienst zur Stelle, die Eric aus der Wohnung eskortierten und gegen die er trotz aller Bemühungen nicht ankam.

Das musste wirklich ein Alptraum gewesen sein! Hatte die erneut erwachte Sehnsucht nach seiner Frau ihn so sehr um den Verstand gebracht? Doch was wurde hier gespielt und warum? Und … er brauchte dringend einen Kaffee und ein Katerfrühstück. Das konnte ja noch heiter werden. Vielleicht konnte er in der Basis wenigstens mit van Veidt vernünftig reden und erklären, was … ja was eigentlich. Er resignierte und ließ sich die letzten Meter ohne weiteren Widerstand zum Wagen bringen. Das würde eine lange Fahrt werden!

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