016 – Boston sehen und erleben

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Kapitel 5 – Im Auge des Sturms

Ein kräftiger Regenschauer entleerte sich über Boston City und wusch für ein paar Stunden allen Blütenstaub aus der Luft. Emanuel sah aus dem Fenster eines Cafés am Copley Square nahe des Hancock Tower, der über die letzten Jahre Einiges abbekommen hatte. Die Spitze des einst höchsten Gebäudes der Stadt war eingestürzt und ließ es ähnlich verwittert aussehen, wie die eingesunkene Ruine der Trinity Church daneben.

Das war einmal sein liebster Platz in der Stadt gewesen und er nutzte jede Gelegenheit, sich für ein paar kostbare Minuten bei ihren Besuchen in der Stadt dorthin zurückzuziehen. Vor so vielen Jahren hatte er nur wenige Kilometer weiter in einem der roten Ziegelsteinhäuser Nähe des Hafens gewohnt. Bevor eine Katastrophe das alles nachhaltig verändert hatte.

Boston, als Brutstätte der Demokratie in den Vereinigten Staaten von Amerika, war als eine der ersten Städte von der Strahlungswelle getroffen worden. Praktisch jeder, der den als Tag X überlebt hatte, hatte jemanden verloren. Das Materielle hatte plötzlich allen Wert verloren. Konserven und andere Vorräte waren die neue Währung und sich jeder selbst der Nächste.

Es schwang immer ein Hauch von Melancholie mit, wenn er hier saß und daran dachte, wie er sich hier jeden Donnerstag ein Club-Sandwich bestellt hatte. Das Knacken seines Funkgeräts holte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück. »Thomas, hören Sie mich? Sind Sie auf Empfang?« – »Alles Roger, ich bin fast da, habe nur einen kurzen Zwischenstopp gemacht!«, versuchte er seine schon 30igminütige Verspätung zu rechtfertigen. »Mach, was Du willst, Mann, der Alte fragt aber schon nach Dir!« Thomas Emanuel atmete schwer. Es war eine harte Woche gewesen. Erst die Tour durch die Wüstenlandschaft Nevadas, dann die Mission in Washington DC, bei der ihnen ihre Gefangenen entkommen konnten und schließlich Boston, wohin die Unterlagen und Proben von Projekt Purity in ein geheimes Hochsicherheitslabor gebracht hatten. Jetzt hatte er noch ein paar Minuten für sich, bevor es wieder zurück zu ihrer Hauptbasis nach Niagara Falls ging. Wenigstens hatte er diesem Frederiksen einen ordentlichen Denkzettel verpassen können, den dieser sein Leben lang nie vergessen würde. Er fokussierte sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe.

»Was will er denn?«, fragte Emanuel ungehalten. Rauschen erfüllte den Äther, während die Antwort noch einige bleierne Momente auf sich warten ließ. »Purity, Mann! Irgendwas stimmt damit nicht! Die Jungs vom Labor haben sich schon über eine Stunde nicht gemeldet!« – Emanuel seufzte. Seit er die Leitung der Gruppe übernommen hatte, war nichts so gelaufen, wie es hätte sollen. Sie hatten aufgrund einer Wagenpanne deutlich länger gebraucht, hatten einen weiteren Mann an dem Highway verloren und jetzt das. Dabei hatte er gehofft, das Teufelszeug endgültig los geworden zu sein, war Purity doch an dem ganzen Wahnsinn schuld! »Also gut!«, resignierte er vor seiner Nummer 2, «ich schau mir das mal an!«

Bis zum Wyss Institut’s Gebäude waren es knapp 2 Meilen, die er in wenigen Minuten mit seinem Jeep zurücklegen konnte. Eigentlich hatte er für heute schon wieder genug. Wehe, die Jungs hatten wieder nur vergessen, ihre Funkzellen aufzuladen. Barry war immer zu nachsichtig gewesen. Das hatte ihm letztendlich das Leben gekostet. Das wollte er sich nicht leisten. Er verließ das kleine Café und sprang in den offenen Jeep, die Atemmaske neben sich auf dem Beifahrersitz. Er sollte eine böse Überraschung erleben.

[…]

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