015 – Der Stich

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[…]

Er rannte um sein Leben – das Capitol im Rücken, die Überreste eines Schutzanzugs um die Taille gebunden. Stehen bleiben bedeutete den sicheren Tod! Hinter ihm hörte er ein markerschütterndes Schlürfen der Ranken, die Jagd auf ihn machten. Minuten zuvor hatte er gesehen, wie dieses Pflanzenmonster seine Entführer in blutige Fetzen gerissen hatte. War das ein Alptraum? Immer noch gefangen in den Ruinen von Washington DC? War das die Vergangenheit oder die Zukunft? Dann stolperte er, schlug hart auf und schon umschlang etwas sein Bein. Er schrie, spürte einen Stich im Fuß und alles um ihn herum zerfloss zu einem Brei aus Ranken, Ruinen und Finsternis.

Erschrocken riss er die Augen auf und lag auf weißen Laken. Er kannte das Zimmer, hatte es kurz zuvor in einem drogengesteuerten Traum gesehen. Aber er hatte nichts gespritzt oder eingeworfen. Oder hatte er? Abgesehen von seiner schweren Koffeinabhängigkeit hatte er sich stets mit jeglichen bewusstseinsbeeinflussenden Dingen zurückgehalten. Da war er sich sicher, ganz sicher. Und dann doch wieder nicht.

Begonnen hatte alles vor der letzten Expedition in die Ruinen von DC. Die Erinnerungen an Maya waren wieder nach oben gedrungen. Er hatte davor eine ganze Zeit nicht mehr zurückgedacht, waren es immerhin schon 17 Jahre, die ins Land gegangen waren. Oder war das hier doch die Realität? Denn da war sie, an seinem Bett wachend, als wäre nichts passiert.

Er ahnte nicht, dass er inzwischen mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden vor seiner Couch lag, während neben seinem Kopf sorgsam drapiert eine halbvolle Ampulle und eine Spritze lagen. Im Hintergrund schlich eine Gestalt durch das Penthouse, die ihm eben noch Momente vorher den restlichen Inhalt der Ampulle gespritzt hatte. Dabei war er fast aufgewacht, hatte sich kurz aufgebäumt und war direkt von der Couch gefallen.

Darüber hinaus hatte die Gestalt noch weitere Beweismittel im Raum verteilt, um das Szenario noch realistischer erscheinen zu lassen. Doch sie musste sich beeilen, denn in wenigen Minuten würde die nächste Wachrunde patrouillieren und sie wäre hier noch für weitere knappe 30 Minuten gefangen. Dann würde es bereits langsam hell werden und die Gefahr, doch noch entdeckt zu werden zu groß. Und Angela Porter legte es absolut keinen darauf an, erklären zu müssen, wozu sie Dr. Eric Frederiksen unter Drogen setzte.

Als sie den Auftrag von Forbes übernommen hatte, waren da noch keine Skrupel. Inzwischen empfand sie aber doch etwas Mitleid mit dem Mann, der zwar eine ziemliche Nervensäge sein konnte, aber in den letzten Tagen hatte durch die Hölle gehen müssen. Endlich war die Arbeit getan und sie konnte den Rückzug antreten. Geschmeidig wie eine Katze schwang sie sich durch das geöffnete Fenster auf den Balkon. Keine Minute zu früh, denn von ferne hörte sie bereits die Patrouille, die in der Nachbarschaft für Sicherheit sorgen sollte.

Jetzt durfte sie keinen Fehler machen. Mit Gefühl, aber trotzdem einer atemberaubenden Geschwindigkeit ließ sie sich an ihrem an der Fassade angebrachten Seil herunter, löste mit einem Kräftigen Zug dessen Verankerung und ließ das Seil in ihrem Rucksack verschwinden. Sie hatte eben noch genug Zeit, um sich hinter einem vertrockneten Busch außer Sichtweite zu bringen, als der Soldat nur wenige Meter neben ihr seine Runde schloss und den Appartmentkomplex betrat, um dort auch noch die Gänge zu sichern.

Erleichtert atmete Angela aus und begann einen schnellen Sprint, während am Horizont ein heller Streifen den neuen Morgen ankündigte. Frederiksen würde am nächsten Morgen sein blaues Wunder erleben. Und wenn das nicht ausreichte, um ihn bei van Veidt zu denunzieren … ein gewagtes Spiel, aber sie hatte keine Wahl. Mit einigen weiteren Sätzen war sie außer Sichtweite gekommen und schlich sich jetzt wieder langsamer durch die Straßen, die während der Sperrstunde oder Nachtruhe, wie es der Bürgermeister vor kurzem so unzutreffend beschrieben hatte, bis auf den Wachdienst, völlig menschenleer waren. Zu Hause angekommen musste sie jetzt auch endlich noch etwas Schlaf nachholen, bevor es morgen zur nächsten Einsatzbesprechung kommen würde.

Armer Frederiksen, aber morgen würde definitiv nicht sein Tag werden …

Ende Kapitel 4

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