014 – Ein ruhiger Nachmittag

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Und, hat der alte Mann noch etwas gesagt?«, Angela blickte zu Amy auf dem Beifahrersitz. »Van Veidt? Nicht viel, gibt eine Besprechung morgen Nachmittag. Glaube nicht, dass er uns gleich wieder losschickt, zumal ich mir nicht sicher bin, ob er sich für Frederiksen einen Ersatz suchen will. Bei euch Sicherheitsexperten etwas Neues? Wer die Vögel in Washington waren?« – »Nein«, log Angela, »Unsere Aufklärung hat auch noch nie was von denen gehört. Vielleicht gibt es ein paar alte Geheimdienstkontakte, die etwas wissen – wer weiß.« – »Verstehe schon, topsecret …«, Amy hätte es sich denken können, nichts von Angela zu erfahren. Sie hatte nie mehr als Smalltalk mit der Soldatin gewechselt und auch erst im Laufe der letzten Missionen – den Umständen geschuldet. Vielleicht war es etwas naiv von ihr, in ihr jetzt schon eine Freundin sehen zu wollen.

Minutenlanges Schweigen erzeugte eine unangenehme Stille im Wagen, bis Angela schließlich das Radio anstellte. 90iger Jahre Plastik-Pop erklang aus den Lautsprechern des Jeeps. Amy blickte gedankenverloren auf die vorbei rauschende, karge Landschaft. Die Region um San Diego wurde immer häufiger von Staub- und Sandstürmen heimgesucht, weswegen man im Stadtkern Gewächshäuser für die landwirtschaftliche Nutzung errichtet hatte. Amy ließ sich am Rande von Ocean Beach absetzen, wo man ihr in der Voltaire Street einen kleinen Bungalow zugewiesen hatte. Nicht so luxuriös, wie das von Frederiksen oft angepriesene Penthouse, aber ihr war die Nähe zum Meer wichtiger. Außerdem schien das hier eine der wenigen ruhigen Nachbarschaften der Stadt geblieben zu sein, was wohl an der starken Militärpräsenz lag. Es war hier gewesen, wo sich die Armee und die Bevölkerung eine wüste Straßenschlacht geliefert hatten, als man versuchte, den Ausnahmezustand am Tag X gewaltsam durchzusetzen. Dadurch wurde aber vieles zerstört und die meisten Anwohner flohen in die Trabantenstadt aus Wohnwägen und Zelten, die sich am Stadtrand erstreckte.

Sie machte kurz bei Pat’s Liquor Store halt, wo sie sich noch für den Rest des Tages eindeckte. Der Laden war schon lange vor dem Tag X ziemlich heruntergekommen, hatte aber neben Spirituosen inzwischen auch alles andere für den Tagesgebrauch auf Lager, da die meisten Supermärkte von Plünderern zerstört worden waren. Das Leben war über die letzten Jahre wieder viel einfacher geworden. Es gab zwar noch Fernsehen, allerdings liefen dort neben Nachrichten fast nur noch Wiederholungen aus der Konserve. Zuhause angekommen blinkte ihr Anrufbeantworter nervös vor sich hin, doch sie beschloss, es zu ignorieren. Heute wollte sie mit niemanden mehr sprechen, ließ sich eine Badewanne voll heißem Wasser ein und versank erstmal in einem Traum aus Schaum, bevor sie im Anschluss kraftlos auf ihrer Wohnzimmercouch in unruhigen Schlaf fiel. Als sie wieder wach wurde, war es draußen Dunkel und die Ziffern ihres Weckers vermeldeten 2 Uhr nachts. Aus den Augenwinkeln nahm sie erneut das Blinken ihres Anrufbeantworters war. Resigniert raffte sie sich auf und drückte auf den Abspielknopf, im Augenblick war sie sowieso zu wach, um gleich wieder einzuschlafen. Doch als sie die Stimme auf dem Band hörte, wurde sie mit einem Mal kreidebleich: Die aufgeregte Stimme sprach von ihrer kleinen Schwester. Sie warf sich in aller Eile etwas zum Anziehen über und stürmte aus dem Haus.

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