013 – Krankenrevier

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[…]

Frederiksen lag auf einer Pritsche auf der Krankenstation, wo er noch unter Beobachtung bleiben sollte. Verglichen mit dem Krankenhauszimmer aus seinem Drogentraum war diese hier schlicht und spartanisch ausgefallen. Und der schlackige Arzt seiner Wahnvorstellung mit zwei bemühten Schwestern war in der Realität ein übergewichtiger Endvierziger, der seine Studienzeit kurz vor dem Tag X abgeschlossen haben musste. »Sie sind immer noch etwas blass um die Nase, aber das wird schon. Nehmen Sie diese hier zu den Mahlzeiten. Sie sollten die Entzugserscheinungen etwas lindern.« – »Danke, Doc, sonst noch etwas, das ich beachten sollte?« Dr. Randle sah ihn ernst an. »Sie haben einen ordentlichen Morphincocktail bekommen, aber Sie werden trotzdem unter Phantomschmerzen leiden. Außerdem müssen Sie kürzer treten.« – »Danke, Doktor, wann muss ich Sie wiedersehen?« Frederiksens Versuch, sich mit dem nicht mehr existenten Arm hochzustützen, scheiterte kläglich. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam ihn, doch er kämpfte es nieder und nahm beim zweiten Anlauf seinen linken Arm. Mühsam kam er nach oben, musterte den Arzt ein letztes Mal, bevor er seine Weste von der Stuhllehne fischte und sie sich überwarf. »Passen Sie auf sich auf! Ich komme am Donnerstag vorbei. Bringen Sie sich bis dahin nicht um!«

Frederiksen nickte müde und verlies den Raum.

Er schlenderte über das inzwischen verlassene Rollfeld. Die Maschine hatte man in einem kleinen Hangar gerollt, wahrscheinlich wegen Wartungen. Der San Diego International Airport war ansonsten verlassen und sehr heruntergekommen. Heutzutage wurde kaum noch geflogen, es sei denn, man konnte sich das immer noch leisten. Der Zug hatte als Haupttransportmittel einen ungeheuren Popularitätsschub erhalten, was Frederiksen kaum glauben konnte. Aber Schienen waren leichter in Stand zu halten, als die Highways, außerdem hatte man Rammböcke vor die Lokomotiven gebaut, um jegliche Bewucherung im Keim zu ersticken. Dafür hatten sich die Reisezeiten natürlich wieder immens verlängert. Man rechnete 3-4 Tage für die einfache Strecke. Die 5 Stunden per Flugzeug waren reiner Luxus.

Aber daher hatte man den Großteil des Flughafens, bis auf den Haupthangar und einen militärischen Stützpunkt, ziemlich verwildern lassen. Das Gelände hatte ansonsten einen direkten Zugang zur North San Diego Bay, worüber van Veidt dann Güter weiter per Schiff zu benachbarten Küstenstädten transferieren konnte. Der Millionär hatte sich vor allem an der Westküste festgesetzt und kontrollierte einen Teil des Handels mit Spezialgütern – er hatte vor allem einen großen Fuhrpark an Baumaschinen und Nutzfahrzeugen – damit hatte er sein Imperium in den 70iger Jahren begründet, als seine Familie aus Europa in die neue Welt zog.

Die Strecke von der medizinischen Baracke zum Parkplatz kam ihm wie eine Ewigkeit vor und die Sonne brannte heute wieder gnadenlos von oben auf sie herab. Frederiksen musste immer wieder Pausen einlegen, um nicht unterwegs zusammenzuklappen. Das gute Morphin half zwar gegen seine Schmerzen, war jedoch seinem Gleichgewichtsgefühl und seiner Balance wenig hilfreich. Schließlich kam er am Parkplatz an, wo van Veidt ihm zwischenzeitlich einen Wagen nebst Chauffeur hatte bereitstellen lassen. »Bringen Sie mich bitte direkt nach …«, er wollte nach Hause, musste aber notgedrungen auf dem Weg dorthin noch ein paar Sachen einkaufen, um den leeren Kühlschrank in seinem Penthouse zu füllen. Als der Wagen dann 2 Stunden später vor seinem Haus vorfuhr, wollte Frederiksen nur noch schlafen. Oben angekommen warf er die Einkäufe auf den Küchentisch und ließ sich direkt im Wohnzimmer auf seine Couch fallen. Den Rest bekam er dann auch nicht mehr mit, denn er war bereits tief in einer Traumwelt angekommen.

[…]

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