011 – Touchdown

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Amy schreckte kurz hoch, als die Maschine aufsetzte. Sie hatte die letzte Stunde des Fluges im Heck der Machine geschlafen. Frederiksen war ihr bewusst aus dem Weg gegangen, nachdem er wieder zu sich gekommen war. Alles in allem fühlten sich die Ereignisse der letzten Tage wie ein böser Traum an. Sie war sich nicht mal mehr sicher, wie genau sie diesen verrückten Kannibalen entkommen waren. Und wofür das Ganze?

Na gut, die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung war eines der letzten Relikte der alten Welt, dessen Verbleib nach dem Tag, der Tage nicht geklärt werden konnte. Sicher war nur, dass man sie an Bord einer Transportmaschine gebracht hatte, die ihr Ziel nie erreichte. Keine Funkverbindung, keine GPS-Koordinaten, rein gar nichts, das eine Spur hätte darstellen können. Und dann plötzlich war Frederiksen mit diesem Informanten angekommen, der einen angeblich heißen Tipp gegeben hatte. Eine Falle, wie sich nach all dem herausgestellt hatte. Was für einen Narren die nur an dem Forscher gefressen hatten, sie wusste es nicht. Schlussendlich hatte er den Preis dafür bezahlt und würde auf Linkshänder umschulen müssen. Ja, es mochte grausam klingen, aber er trat immer mit dieser himmelhoch schreienden Arroganz auf. Als würde sich die Welt nur um ihn drehen. Und dann dieses Wehklagen, weil seine Frau in dem Chaos des Untergangs verschwunden war.

Amy würde van Veidt ihre Kündigung auf dem Schreibtisch knallen. Wenn er den Junkie Frederiksen weiter beschäftigen wollte, bitte, aber ihr war ihr Leben dafür zu schade. Na gut, er bezahlte gut und in dieser neuen Welt gab es wenig Arbeit für Wissenschaftler, es sei denn im Bergungsgeschäft und das wurde vor allem von Halsabschneidern betrieben. Kein guter Umgang, und auch wenn sie alles andere als zimperlich war, war die Wahrscheinlichkeit draufzugehen viel zu hoch. Van Veidt war einer der wenigen Superreichen, die ein Interesse an der Bergung alter Schätze entwickelt hatten. Die meisten seiner Genossen verbrachten ihre Zeit lieber in virtuellen Schlössern, die für sie die alte Welt erneut entstehen ließen. Es machte aber keinen Sinn der alten Welt nachzutrauern, viel mehr mussten sie endlich herausfinden, was den ganzen Irrsinn ausgelöst hatte. Nur so könnte es vielleicht irgendwann eine Lösung für das Dilemma geben und die Welt könnte sich wieder erholen.

Noch etwas schläfrig und verträumt schweifte ihr Blick auf das Rollfeld. Regentropfen rannen das Fenster herunter. Sie mussten sie beim Passieren der letzten Wolkenbarrieren mitgenommen haben. Ansonsten war das Wetter hier warm und humid, wie in den Tropen.

Die Ansage der Crew, dass sie noch bis zum Erreichen der endgültigen Parkposition angeschnallt bleiben sollten, ignorierte sie, löste den Gurt und zog einen kleinen Seesack unter dem Sitz hervor, der ihre letzten Habseligkeiten enthielt. Alles, was es wert gewesen war, nicht zurückgelassen zu werden. Das Wichtigste war ein Foto, das sie mit ihrer Schwester zeigte – aus besseren Tagen. Die beiden waren damals ausgeritten – dem letzten Licht des letzten warmen Sommertages hinterher. Dass Zelda und sie heute nicht mehr miteinander sprachen, tat ihr immer wieder aufs Neue weh, wenn sie das Bild betrachtete. Zelda war heute 24, hatte jung diesen Fluglotsen geheiratet und sich ganz von Amy abgewandt. Selbst als Carlos im großen Sandsturm vor 4 Jahren gestorben war, wollte sie weder Beileid noch Trost von der großen Schwester. Sie vertrieb die bösen Erinnerungen, denn schon wurde die Flugzeugtür aufgeschoben und sie konnten aus dieser Sardinenbüchse entkommen. 5 Stunden hatten sich fast wie 10 angefühlt, und außer der letzten Stunde, war sie hellwach gewesen und das trotz der großen Welle an Müdigkeit, mit der sie gestern Abend in Miami in die Maschine gestiegen war.

Angela Porter half ihr durch den Ausstieg. Die Soldatin hatte den Flug über gut geschlafen und durch ihr langjähriges Training die Geschehnisse in Washington gut verarbeitet. Die nächsten Tage würde sie einige unangenehme Besuche bei den Angehörigen von Joseph, Rappaport und Peters machen. Auch Eve Schneider wollte sie persönlich ihr Beileid ausdrücken und Hilfe anbieten. Es war ein alter, für Angela aber immer noch bindender Grundsatz, dass man sich um die Familien der Angehörigen kümmerte. Sicher würde van Veidt sie großzügig finanziell abfinden, aber das war nicht genug. Es linderte die Folgen, die der Tod eines lieben Menschen mit sich brachte, aber beim Schmerz und der Trauer halfen sie nicht. Sie würde sich dieser Verantwortung stellen, so gut es ging.

Nachdem Angela erst van Veidt und zuletzt Frederiksen, dem sie noch einen bösen Blick mit auf den Weg gab, aus der Maschine geholfen, und sie die Einreiseformalitäten hinter sich gebracht hatten, musste sie noch an einer kurzen Nachbesprechung teilnehmen. General Ade Martin Forbes war van Veidts strategischer Berater und hatte nachdrücklich Angelas Anwesenheit erbeten. Das sollte aber die letzte Verpflichtung für heute sein und sie freute sich auf mindestens ein verlängertes Wochenende in ihrem Strandhaus.

Forbes stampfte ungeduldig auf, als Angela die kleine Baracke am Ende des Flugfelds betrat.

[…]

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