009 – Perspektivenwechsel

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[…]

Es war nicht ganz einfach gewesen, mit Bordmitteln die Stromleitung in der Wand freizuschalten. Man hatte ihnen das gesamte Werkzeug und große Teile der Ausrüstung abgenommen, aber ihren Schutzanzügen, bzw. dessen Sauerstoffventil ließ sich ein sehr provisorisches Kratzwerkzeug abgewinnen. Nicht ausreichend für die Stahlbetonwände, aber der alte Putz gab schnell nach und den Zugriff auf die Stromleitungen Preis. Der Kurzschluss legte das Schloss der Tür lahm und gab ihnen Gelegenheit zur Flucht. Ihre Gastgeber waren gut ausgerüstet, wohl aber hatte ihre Wache kein Nachtsichtgerät. Ihr Zeitfenster verringerte sich massiv, als Letztere noch einen Alarm auslöste. So schleppten sie Frederiksen erstmal in die Herrentoilette, um sich von dort aus Zugang zu den Belüftungsschächten zu verschaffen.

Die Details ihrer Flucht hatten am Ende mehr mit einer ausreichenden Portion Glück und dem provisorischen Lager ihrer Gastgeber, als einem durchdachten Plan zu tun. Bevor die gesamte Einheit aktiviert und auf den Beinen war, hatten sie sich schon in eines der Nachbargebäude geflüchtet. Ihre Anzugshelme hatte man ihnen abgenommen, aber das kurze Stück halfen ihnen Stofffetzen, die sie vor Mund und Nase pressten. Im Nachbarhaus hieß es dann weiter improvisieren, denn ihr Vorsprung vor den Verfolgern mochte nur aus wenigen Minuten bestehen. Sie wussten nicht, dass sie durch eine glückliche Fügung nicht nur den Anführer des Einsatztrupps ausgeschaltet hatten, sondern auch niemand ernsthaft mit einem Ausbruch gerechnet hatte und sie so kostbare Minuten gewannen.

Und die brauchten sie auch, denn mit Frederiksen hatten sie einen ganz schönen Bremsklotz am Bein. Porter hätte ihn eiskalt zurückgelassen, aber während man ihre Männer als Kollateralschaden verbuchen konnte, galt das für ihre Ladung nicht. Irre Rechnung, aber in militärischen Operationen wurde zuweilen so geplant. Das ganze patriotische Gerede lullte die Truppe ein. Und jeder der Drei kannte das Risiko – nicht, dass sie irgendjemandem ein solches Schicksal wünschte. Sie selbst war einmal dazu gezwungen gewesen, sich drei Tage im Gebirge von einem jungen Offizier zu ernähren, verdrängte das aber lieber. Mental kannst Du das nur ohne Knacks überstehen, wenn Du Deinem Verstand vorspielst, es sei etwas völlig anderes.

Amy untersuchte einmal mehr Frederiksen, der immer noch keine Anstalten machte, wieder zu Bewusstsein zu kommen. Und das war bitter nötig. Zwar hatten sie gerade noch ein Versteck gefunden und draußen war es ruhig, aber viel Zeit würde ihnen bestimmt nicht bleiben, bevor die Soldaten sie doch noch finden würden. Aber auch so standen ihre Chancen alles andere als gut. Keine richtige Ausrüstung, keine Waffen und keine Möglichkeit sich zu Hause zu melden. Ob man wirklich nach ihnen suchte, bezweifelte sie. Trotzdem blieb ihnen im Moment nichts anderes übrig, als den Kopf unten zu lassen und abzuwarten.

Es vergingen Stunden und trotzdem blieb es weiterhin ruhig, selbst einen halben Tag später, machten ihre Entführer Anstalten aufzutauchen. Erst weitere 3 Stunden später hörte sie das Geräusch eines Hubschrauberrotors, der über ihre Köpfe hinwegflog. Wenige Minuten später erschollen Rufe und es schien, als hätte man sie doch gefunden. Amy und Angela wechselten vielsagende Blicke – sie würden sich nicht nochmal gefangen nehmen lassen. Und dann hörten sie eine Stimme: »Eric, Amy, Angela, sind Sie hier?« – die Stimme kam Amy nur zu bekannt vor, trotz der Verzerrung durch den Schutzanzug, aber das konnte doch eigentlich nicht sein, oder? Erleichterung machte sich breit. Angela lugte vorsichtig um eine Ecke, bevor sie ein »Wir sind hier, Sir!« entgegenrief. Langsam kam auch Amy aus der Deckung und ein Trupp Soldaten kam ihnen entgegen, um sie in Empfang zu nehmen. Niemand Geringerer als Quentin van Veidt war höchstpersönlich gekommen, um sie zu retten. So sehr sie sich freute, das bedeutete nichts Gutes. Zwei Soldaten kamen mit einer Bare an, um Frederiksen aufzunehmen, der immer noch bewegungslos an die Decke starrte. Andere Soldaten reichten Amy und Angela Atemmasken. Minuten später waren sie in der Luft auf dem Weg in Sicherheit.

Was sie nur ahnten war, dass sich mit dem heutigen Tag alles grundlegend ändern würde, ob zum Guten oder Schlechten, das mochte nur die Zukunft sagen. Für den Moment schienen sie zum ersten Mal seit Tagen wieder auf der Gewinnerseite zu stehen, doch die angestoßenen Ereignisse hatten Konsequenzen und die würden sie schon sehr bald zu spüren bekommen.

Ende Kapitel 3

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