007 – Abgefahren und der Kampf zurück auf die Spur

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[…]

Im Halbdämmerzustand fühlte er sich nach oben gerissen und kaum versehen, nahm er Schwester Betty war, die ihn auf die Beine zog. »Was machen Sie denn? Sie sollten es definitiv ruhiger angehen lassen! Ihr Körper ist noch schwach!« – Verwirrt sah er auf seine Hand, doch da war nichts. Dafür hatte er eine dicke Beule am Vorderkopf.

Was zum Teufel wird hier gespielt … war die Krankenhausszene sein mentales Rückzugsszenario? Langsam führte ihn die Schwester zurück zu seinem Zimmer und auch die Gaffer, die amüsiert oder erschrocken Eric gegen die Scheibe hatten laufen sehen zerstreuten sich langsam. Das fühlte sich allzu real an und doch konnte er nicht gleichzeitig in zwei Realitäten leben, oder? Er setzte sich auf sein Bett und bekam eine Tablette und ein Glas Wasser in die Hand gedrückt. War das die blaue Pille? Würde es ihn tiefer in den Kaninchenbau führen oder konnte er wieder den Geschmack eines Steaks genießen? »Was ist das?«, sah er zur Schwester herüber. »Für Ihren Kopf! Danach geht es Ihnen besser und Sie können sich etwas ausruhen.« – Sie wirkte überzeugend, und er hatte heute zu viel Verrücktes erlebt, um noch Widerstand zu leisten. Also schluckte er die Tablette und spülte sie mit dem Glas Wasser herunter. Und sie hatte nicht zuviel versprochen. Wenige Minuten später breitete sich ein warmes Gefühl über seine Schläfen einmal ganz herum aus und der Schmerz versiegte, wie Wasser in der Wüste.

Jetzt lehnte er sich zurück und beschloss, etwas die Augen zu schließen und hoffte, der Traum würde noch etwas darüber hinausgehen. Die Realität wünschte er sich weit weg, schließlich hatte dort eben ein verbitterter Irrer seine Hand verstümmelt. Der Schlaf war ereignislos, also kein erneuter Traum im Traum. Das verbuchte er einmal auf der Plusseite. Und auch als er frisch und gestärkt wieder wach wurde, lag er immer noch in seinem Krankenzimmer, das sich immer noch wie ein ferner, fremder Ort anfühlte, jedoch immer realer und greifbarer wurde.

»Wieder mal den Kopf in den Wolken? Ich hatte mir große Sorgen gemacht«, erst jetzt sah er die junge Frau, die am Ende des Bettes saß. Sie hatte langes, kastanienbraunes Haar, das zu einem Zopf verknotet war. Das Kleid war sommerlich kurz, sie sah aus, als sei sie eben vom Tennisspielen gekommen. Einige Sorgenfalten glätteten sich langsam wieder – die Augenringe deuteten wenig Schlaf an. »Ich hab mir echt Sorgen gemacht! Es war so ein dummer Streit und die Vase … es tut mir wirklich, wirklich leid!« – das Makeup schien etwas verlaufen. Sie hatte wohl geweint. »Du sagst ja nichts, sie haben Dir doch hoffentlich nicht die Zunge amputiert, oder?« auf einmal wurde ihm bewusst, dass er sie angestarrt haben musste.

»Ich, ich, …« … ich habe dich so sehr vermisst und liebe dich über alles, und wenn ich meinen rechten Arm geben müsste, um die Zeit zurückzudrehen und alles ungeschehen zu machen, doch das brachte er einfach nicht raus und stammelte stattdessen nur vor sich hin. Und …

»Shangrilla!« – »Wie bitte? Was?« – »Der Name ist Shangrilla«, sein Bewusstsein hatte erneut einen Sprung gemacht. Wo war er jetzt?! Und mit wem sprach er, bzw. war das nicht seine Stimme, oder doch? Die andere Stimme fuhr ungerührt fort. »Die Droge ist vor wenigen Wochen auf den Straßen aufgetaucht. Was ja auch nachvollziehbar ist.« – »Eine Droge, die im eigenen Bewusstsein ein Wunschuniversum erschafft, in dem alle Sehnsüchte wahr werden und alles rosa Zuckerguss ist – ein No-Brainer!« – »Sie sagen es, Dr. Anderson.« – »Und das hat er sich gespritzt?« – Momentmal redeten sie von ihm? Er hatte sich nichts gespritzt! Er war nur endlich nach Hause gekommen und … »Ich glaube, dass er das schon seit einer Weile einnimmt. Das würde sein merkwürdiges Verhalten erklären, finden Sie nicht?« – »Aber was machen wir jetzt mit ihm? Wir können ihn doch nicht zurücklassen!« – die Stimmen sprachen über ihn, oder? Er musste wahnsinnig geworden sein … ja wahnsinnig vor Glück!

Angela Porter sah Dr. Anderson resigniert an. Frederiksen war ein Junkie. Hätten sie das vor Beginn der Mission gewusst, wäre er schön zu Hause geblieben. Wenn ihn van Veidt nicht sogar gefeuert hätte … ein Abhängiger bei einem Kampfeinsatz!

Shangrilla war wie aus dem Nichts aufgetaucht und alle, die sich in die gute alte Welt zurück versetzen lassen wollten, sprangen auf den Zug auf. Dass das Unterbewusstsein viel lieber in einer perfekten Replik einer Wunschrealität blieb, statt sich mit dem hier und jetzt auseinanderzusetzen, machte Shangrilla noch gefährlicher. Im Falle von Frederiksen hatte er sich einen ordentlichen Schuß versetzt, als die Wachen ihn zurückbrachten – zusammengekrümmt und das Fehlen seines rechten Arms beweinend. Trotzdem man dem Stumpf abgebunden hatte, hatte es noch ordentlich geblutet. Und seitdem war er auf dem Trip: eine Flucht vor der Realität, die er nicht mehr ertragen konnte oder wollte.

Sie mussten hier schleunigst entkommen! Zurück in die Zivilisation, oder was davon übrig war. Ob van Veidt schon die Kavalerie losgeschickt hatte? Ihre Gastgeber hatten sich Stunden mit Frederiksen beschäftigt. Die Schreie hatten sie bis in die Zelle gehört. Wer müsste wohl als Nächstes dran glauben? Und was wollten diese Leute von ihnen? Offensichtlich waren es ehemalige Soldaten – evtl. von einem hiesigen Militärstützpunkt. Nach der Katastrophe war die öffentliche Ordnung binnen Stunden nach der Ansprache von Präsident Ephraim Foster, dem Dritten zum Teufel gewesen. Niemand konnte mehr Freund und Feind unterscheiden. Es ging nur noch um die Flucht in den Süden und das eigene Überleben. Amy erinnerte sich nur zu gut an diesen Tag. Sie war 9 Jahre alt gewesen und musste mit ansehen, wie ein brutaler Plünderer ihren Vater und ihre Mutter mit einer Schrottflinte erschoss, kurz bevor er selbst von einem Krankenwagen erfasst und in einen blutigen Haufen verwandelt wurde.

An jenem Tag war sie erwachsen und für ihre kleine Schwester verantwortlich geworden. Und so sehr sie Frederiksen und seine teils oberlehrerhafte Art und seine blöden Sprüche und Hollywood-Film-Zitate hasste, so hatte sie heute schon genug Leute sterben sehen. Und auch wenn Angela fest überzeugt schien, den labilen Wissenschaftler in seinem Shangrilla-geschwängerten Koma zurückzulassen – sie konnte das nicht!

»Jetzt oder nie! Aber nur mit ihm! Haben Sie einen Plan?« – »Vergiss das Sie, Schätzchen! Ich habe da eine Idee, aber das wird nicht leicht!« Amy schluckte bei den Worten. Es gab keine Alternativen und die Zeit lief Ihnen davon!

Ende Kapitel 2

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