006 – Grenzen der Wirklichkeit

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WARNUNG: Der folgende Text enthält Beschreibungen von Gewaltdarstellung. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

[…]

Vom Regen in die Traufe gekommen, kämpfte er sich langsam nach oben und setzte sich auf. War er endlich wieder in der Realität angekommen? Ja, die Kopfschmerzen waren immer noch da, aber er hatte den Krankenhauskittel gegen einen schmutzigen Schutzanzug getauscht, man hatte ihm allerdings den Helm abgenommen. Auch der dreckige Boden, auf dem er zu sich gekommen war, sprach eindeutig dafür, dass er endlich dem Wahnsinn seines Unterbewusstseins entkommen war.

»Da sind Sie ja wieder! Wurde auch langsam Zeit! Wollten Sie überwintern?«, Amy war sicher wesentlich hübscher, aber er vermisste Schwester Betty aus seinem Traum schon jetzt. Stöhnend kam er erst auf die Knie und dann die Beine. »Ich habe Sie auch vermisst und danke der Nachfrage! Mir geht es ausgezeichnet! Wo sind wir hier? Haben sich unsere Gastgeber schon vorgestellt?«

»Wir wurden alle schon verhört und unter Drogen gesetzt. Die machen hier keine halben Sachen«, schaltete sich Angela Porter ein, »die wissen inzwischen, warum wir hier sind. Die haben auch den USB-Stick an sich genommen, auch wenn Sie an unserer kleinen Schatzsuche nicht interessiert gewesen zu sein schienen.« – »Ich kann mich nur an einen komischen Traum erinnern, wo mir jemand Fragen gestellt hat, ich aber … naja, standgehalten habe …«, triumphierte Frederiksen, sich an seinen ersten Traum zurück erinnernd. »Mein Unterbewusstsein hat mich nämlich gewarnt!« Von sich selbst beeindruckt sah er sich in ihrer Zelle um. Sie mussten in einer alten Polizeistation sein.

»Sie und Ihr Ego haben uns die Nummer erst eingebrockt! Sie haben unserem Boss doch den Floh ins Ohr gesetzt!«, wetterte Amy – »Shhhht! Die Wände könnten Ohren haben!«, beschwichtigte Eric sie. »Wenn das Plünderer sind, können wir mit Sicherheit ein Lösegeld verhandeln.«

»Ich sagte doch schon, die wissen genau, warum wir hier sind. Von van Veidt, von Ihrem kleinen Liebhaber Projekt, der Unabhängigkeitserklärung und nicht zu vergessen, von unseren Verlusten … wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die haben auf uns gewartet!«, Angela Porter sah Eric herausfordern an …

»Was sollten sie sonst wollen!«, vielleicht litt Frederiksen noch etwas an den Nachwirkungen seines Zwangsnickerchens, aber das alles wollte nach wie vor keinen Sinn ergeben,«Wo sind eigentlich ihre drei Kollegen?« – Ihr Blick verfinsterte sich und glitt nach unten weg. Auch ohne dass sie noch ein weiteres Wort verlor, wusste Frederiksen, dass sie nur noch zu dritt waren. Eine bleierne, unangenehme Stille breitete sich aus und Frederiksen war fast froh, als sich nach einer gefühlten Ewigkeit die Tür öffnete und zwei Bewaffnete den Raum betraten, um ihn mitzunehmen …«War nett sie gekannt zu haben!«, log Porter ihm hinterher.

Das Gebäude war in der Tat eine alte Polizeiwache gewesen. Durch lange und heruntergekommene Gänge führte man ihn durch ein Großraumbüro, wo eine Reihe von Soldaten ein Barbeque veranstalteten. Und jetzt sah er, was aus Joseph, Rappaport und Peters geworden war. Von Letzterem lehnte nur noch der halbe Torso an der Wand und Frederiksen würgte kurz, widerstand aber dem Impuls. Eric hoffte inständig, nie in die Verlegenheit zu kommen, Menschfleisch essen zu müssen – ob es nun nach Hühnchen oder sonst etwas schmeckte. Ihre Wärter sahen das wohl nicht ganz so eng. Weiter ging es durch eine kleine Halle, einmal rechts und zweimal links, bis in einen Verhörraum, wo er mit Handschellen an einen Drehstuhl gefesselt wurde. Er ließ das über sich ergehen, vor allem, weil es der falsche Zeitpunkt für übereilte Heldentaten war. Er musste versuchen, mehr über diese Leute und ihre Motive herauszufinden und dann verhandeln.

Nach einer Ewigkeit des Wartens betrat eine in Militärzwirn gekleidete Gestalt den Raum und nahm Frederiksen gegenüber Platz. Jetzt fehlte nur noch der Schein der Verhörlampe in seinem Gesicht, witzelte Frederiksen. Sein gegenüber hatte den Anflug eines Grinsens auf seinem Gesicht wahrgenommen. »Was ist so komisch? Schön, dass Sie immer noch ihren Humor behalten haben, Dr. Frederiksen!« – Jetzt war Vorsicht das Gebot der Stunde, um nicht auf dem Nachtischbuffet zu landen.

»Mein Ruf scheint mir vorauszueilen. Leider wurden wir uns wohl noch nicht vorgestellt. Darf ich …« – »Dürfen Sie nicht!«, unterbrach der andere ihn schroff. »Ich wollte nur etwas Konversation betreiben. Es wird sich doch sicher eine für beide Seiten annehmbare Lösung für unser kleines Dilemma finden lassen.«, versuchte er zu kontern. Die Miene seines Verhörers blieb unbeeindruckt und kaum lesbar. »Wir wissen bereits alles, was wir wissen müssen, Doktor. Und Ihre Verhandlungsbasis ist dünn, denn nichts was sie uns anbieten können, besitzt einen wirklichen Wert. Und Ihr Leben können wir Ihnen jederzeit nehmen …« – Ein sehr aggressiver Ton, der allerdings wohl eher der Einschüchterung dienen sollte, denn eine wahre Bedrohung darstellte. Irgendetwas hielt die drei verbliebenen Expeditionsteilnehmer am Leben und er hoffte, das sein Gegenüber es ihm verraten würde.

»Sie scheinen gut ausgerüstet zu sein, also keine 08/15 Plünderer. Sie haben das Regierungsviertel vermint und haben uns mit Scharfschützen in Empfang genommen. Hätten Sie uns nur töten wollen, wären wir das wohl bereits. Und der Fakt, dass Sie bisher nur 3 von uns auf die Speisekarte gesetzt haben, heißt wohl, dass Sie für uns entweder bereits andere Pläne haben oder wir doch nicht ganz so unwichtig sind.« – gut das Ende war jetzt etwas hoch gepokert, aber nur so sah er die Karten im Spiel verbleibend. Der Verhörführer war Mitte vierzig und wohl wirklich ein ehemaliger Militär – mittlerer Dienstgrad, vermutete Eric. Die beiden Männer musterten sich mit Blicken. Eric sah einen Funken Wut im kaltblütigen Pokerface aufblitzen, bevor der Mann die Stille brach: »Sehr scharfsinnig, Dr. Frederiksen, Sie besitzen in der Tat einen Wert für uns. Ich habe klare Anweisung Sie am Leben zu lassen, aber ich will offen sein. Ich mag Ihresgleichen nicht. Sie haben uns das alles hier eingebracht und so sehr ich an meine Befehle gebunden sind, so widerstreben sie mir. Ich habe durch Sie alles verloren.« Verblüfft sah Frederiksen Bitterkeit aus der Fassade ausbrechen und der kaltblütige Soldat schien unvermittelt menschlich, wenn gleich Frederiksen nicht den blassesten Schimmer hatte, was der Soldat meinte. Unvermittelt streifte er Frederiksen einen Gürtel um den rechten Arm.

»Ich habe Order Sie am Leben zu lassen, aber nicht wie …«, die schnelle Klinge rauschte nach oben und fuhr tief in Erics Hand. Er schrie, jedoch mehr vor Überraschung, denn Schmerz, denn dieser kam erst jetzt. Und bei dem einen Schnitt blieb es nicht. Das, was er da tat, hatte der Mann gelernt, doch Frederiksen war die Professionalität egal. In seinem Kopf herrschten nur Schmerz und Entsetzen, als sich der Finger von seiner Hand löste. Dann der Zweite und beim Dritten hatte Dr. Eric Frederiksen ein weiteres Mal das Bewusstsein verloren und driftete in ohnmächtige Ahnungslosigkeit ab.

[…]

 

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