005 – Ein Verhör umgekehrt

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[…]

Er machte ein weiteres Mal die Augen auf und lag immer noch auf dem Rücken. Die Arme und Beine waren festgezurrt und er fühlte sich schwer an die Gurte aus dem Hubschrauber erinnert. Weiße Wände starrten auf ihn herab. Ein Cliché-Krankenzimmer, wie er in seinem Leben schon viele gesehen hatte. Dumpf konnte er aus der Ferne Schritte, Stimmen und Lautsprecheransagen hören. Er war in einem Krankenhaus? Schon wieder ein Traum! Wie sollte er sonst aus der verfallenen Ruine in der Geisterstadt, die einst die Hauptstadt der USA gewesen war, in ein sauberes Krankenzimmer anno 2000 irgendwas gekommen sein.

»Hallo? Hallo, ist da wer?«, er bäumte sich gegen die Fesseln auf und rief so laut er konnte. Das musste doch jemand hören! Verdammt, sein Schädel schmerzte. Vielleicht doch kein Traum? Aber wo zum Teufel war er gelandet? Und was war diese furchtbare Zwischenepisode gewesen? Er blickte, soweit seine Lage es zuließ, an sich herab. Ein weißes Nachthemd, das er erst frisch bekommen haben musste. Seine Arme und Beine hingen in Schlaufen und ein Gurt fixierte seine Taille.

»HALLO!«, da musste doch jemand sein! Und da, endlich öffnete sich die Tür und eine adrette Schwester kam herein: »Was haben wir denn wieder, Mr. Frederiksen?« – Verblüffung machte sich breit. Er war sich sicher, keine Ausweispapiere oder Ähnliches in der Tasche gehabt zu haben. Doch sie schien zu wissen, wer er war … naja, bis auf den Doktor, den sie ihm unterschlug. »Schwester, was ist hier los? Warum bin ich hier festgebunden und wo zum Teufel bin ich?«

Ein fürsorglicher Blick musterte ihn: »Sie sind da, wo Sie schon die letzte Woche verbracht haben! Im George Washington! Und Sie sind zu Ihrer eigenen Sicherheit festgeschnallt, Mr. Frederiksen. Sie hatten wohl eine Episode. Drei Krankenpfleger haben Sie bändigen müssen. Sie haben rumgeschrien, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her!« – »Die letzte Woche? Das ist nicht möglich! Den Wievielten haben wir heute?«, ungläubig und wohl kreidebleich sah er zur Lady in Weiß, die eine neue Sorgenfalte aufsetzte.

»Mr. Frederiksen. Wir haben den 09. Juni 2020. Sie wurden am 03. eingeliefert. Ihre Frau Maya war bereits mehrfach zu Besuch, Sie aber wohl nicht ansprechbar. Hören Sie, ich glaube, Sie sollten alles Weitere mit Doktor Newton besprechen. Er kann auch entscheiden, ob Sie noch eine weitere Gefahr für sich und andere darstellen … ich bringe Ihnen dann in einer halben Stunde Frühstück und Schwester Rose kommt gleich noch, um Sie zu waschen …«

Er verstand überhaupt nichts mehr … wo sollte er sein? Was war das hier? Das machte doch alles keinen Sinn … Moment! 2020, Anfang Juni, das war wenige Tage bevor … der Tag X, an dem die Regierung den Ausnahmezustand erklärt hatte … und er müsste jetzt schon längst in New Orleans sein und … erneut öffnete sich die Tür und ein hochgewachsener und ansonsten eher schlaksiger Arzt betrat den Raum. Doktor Newton, nahm Eric an.

»Danke Betty, ich übernehme unseren Freund!« und komplementierte Schwester Betty wieder aus dem Raum, »Also, Mr. Frederiksen, was ist das Letzte an das Sie sich erinnern können?« Alles drehte sich, Eric fühlte sich schwindelig. Das konnte alles nicht …«Ich weiß nicht, das alles … ich kann mich nicht wirklich an viel erinnern!«, flunkerte er. Einem Arzt eine Geschichte über eine dystopische Zukunft zu erzählen, wenn man wollte, dass er einen von Fesseln befreite, war wohl kein besonders cleverer Zug. Da half erstmal wohl nur mitspielen.

»Nun, Sie hatten eine ordentliche Gehirnerschütterung! War wohl eine Blumenvase, die sie da erwischt hat. Ihre Frau scheint einiges an Temperament zu besitzen. Was haben Sie getan, um sie so zu verärgern?« – ein amüsiertes Grinsen spielte über die Züge des Arztes. Also gut, Frederiksen musste gute Miene zum bösen Spiel machen: »Ich habe Sie verdächtigt eine Affaire zu haben … das hat sie mit Nachdruck von sich gewiesen. Und dabei ist die Situation wohl etwas eskaliert … aber wie Sie sehen, geht es mir wieder besser! Können Sie mich nicht losmachen?«

Der Arzt blickte ihn abschätzend an und kratzte sich plakativ am Kinn. »Na gut, ich weise die Schwester an, Sie nach der Visite loszuschnallen, wenn Ihre Werte sich nicht verschlechtert haben. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir Ihre Frau zu Ihnen lassen sollen – zu Ihrer eigenen Sicherheit.« – Das war ja doch einfacher gegangen als gedacht. »Aber versprechen Sie mir, dass Sie es langsam angehen lassen, in Ordnung? Ein derartiger Schlag auf den Kopf kann neben der Gehirnerschütterung auch Halluzinationen und Wahnvorstellung auslösen. Sollten Sie sich ungut fühlen, sagen Sie es uns bitte – wir wollen Ihnen ja nur helfen!«

»Aber sicher, Doktor … Newton? Ich will ein ganz artiger Patient sein und schnell hier raus. Das ganze Liegen … Sie verstehen sicher …« – Der Mann im Kittel nickte kurz, verabschiedete sich und verließ den Raum. Als Nächstes kam Schwester Rose, eine etwas ältere und sehr resolute Dame. Kein Wunder, dass sie den Waschdienst übernahm. Patienten sollten ja keinesfalls auf falsche Gedanken kommen. So ließ er auch diese Tortur über sich ergehen und vor dem Frühstück kam die versprochene Visite in Form einer Gruppe Weißkittel, die sich kurz in den Raum drängten, seine Werte von einem Tablet ablasen und ihn schließlich losmachten. Das folgende Frühstück genoss Eric. Er fühlte sich völlig ausgehungert, auch wenn sich kein wirkliches Sättigungsgefühl einstellen wollte – Krankenhausfraß.

Er musste hier raus und das so schnell wie möglich! Als er wieder alleine war, schien die Gelegenheit gekommen. Er setzte sich auf und versuchte langsam auf die Beine zu kommen. Alles etwas wackelig, aber er hatte seine jugendliche Drahtigkeit zurückgewonnen. Als Nächstes durchsuchte er die Schränke und Schubladen im Raum. Kaum persönliche Dinge, aber Hemd und Hose hingen sorgsam über einen Bügel. Sehr gut, das lief fast zu glatt. Ob man ihn unterwegs aufhalten würde?

Er drehte drei Proberunden durch den Raum, um sicher genug auf den Beinen zu sein, damit er nicht auffiel. Draußen herrschte reges Treiben und er sollte in der Menge unauffällig entkommen können. Er schob sich langsam Richtung Aufzug, fuhr ins Erdgeschoss und hielt von dort aus direkt auf den Ausgang zu. Er konnte die frische Luft fast schon auf dem Gesicht spüren. Mit einem Schlag landete sein Gesicht an einer unsichtbaren Wand und er fuhr erneut hoch.

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