003 – Ein bißchen mehr Aktion, bitte!

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WARNUNG: Der folgende Text enthält Beschreibungen von Gewaltdarstellung. Weiterlesen auf eigene Gefahr!

[…]

“Perimeter gesichert!”, bellte Corporal Angela Porter ihrem Vorgesetzten entgegen, der das mit einem Nicken quittierte und nun auf Frederiksen zukam: “Also, Doc, hier wären wir! Was nun?”

Die heutige Mission diente vor allem zu Aufklärungszwecken. Van Veidt schickte sie von Stadt zu Stadt, um Artefakte einer anderen Zeit aus den Ruinen der alten Welt zu bergen. Wertvolle Schätze, die nicht mehr rechtzeitig vor dem großen Kollaps in Sicherheit gebracht werden konnten oder auf dem Weg dorthin verloren gegangen waren.

Im nächsten Moment riss eine Druckwelle Frederiksen von den Beinen, als der Helikopter mit dem sie gekommen waren, sich nur vielleicht 50 Meter neben ihnen in den Boden bohrte. Schüsse fielen und die Gruppe begann Richtung Washington Monument zu rennen, sofern der schlammige Boden es zuließ. Von ihren Angreifern war nichts zu sehen, und doch schlugen die Kugeln nur knapp neben ihnen platschend ein. Scharfschützen in der Quarantänezone? Doch schon machte sich das mangelnde Training bemerkbar und er verfiel in heftiges Schnaufen mit dem einzigen Gedanken, seine Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu reaktivieren, sollten sie hier lebend wieder rauskommen. Ein letztes Aufbäumen und sie retteten sich hinter einer Betonwand vor dem Monument, wo sie vorerst geschützt sein würden.

“Keiner verletzt?”, warf Schneider schroff in die Runde, der tief in Match getränkten Gruppe. Sie schienen noch einmal Glück gehabt zu haben, doch konnten sie hier nicht lange bleiben. “Gut, Porter? Sie versuchen, eine Verbindung zur USS Lexington aufzubauen! Wir brauchen jemanden, der uns abholt! Alle anderen, Ruhe! Wir wollen keine weitere Aufmerksamkeit auf uns lenken”. Irgendwie beneidete Frederiksen die Kaltblütigkeit Schneiders, die ihm völlig fehlte. Er kämpfte gegen sein rasendes Herz und sein aufkommendes Asthma.

“Was tun Sie da?”, herrschte Amy ihn an. “Wir müssen ruhig bleiben!” “Lippenbremse”, erklärte Frederiksen ihr, mühsam nach Atem ringend, “damit ich Luft bekomme!” Hier konnte er schlecht den Anzug öffnen, um sich einen tiefen Zug aus seinem Bronchenspray zu holen. Sie verdrehte einmal mehr die Augen und drückte sich an die Wand, während Frederiksen sich langsam zur Ruhe kommend ein wenig umsah.

“Here we mark the price of freedom” stand da in verwitterten Lettern auf einem Stein. Was mal eine schöne Anlage mit Teich und Springbrunnen bzw. einer breiten Baumallee gewesen war, war nun ein dreckiger Sumpf, in dem Sperrmüll wie Fahrräder, Kinderwägen und Straßenschilder schwammen.

So plötzlich, wie der Angriff gekommen war, so ruhig war es wieder. Doch sie waren immer noch da draußen, entweder lauernd oder den Standort wechselnd, dessen war Frederiksen sich sicher. Inzwischen hatte sich seine Atmung auch wieder beruhigt und der Druck auf seinen Brustkorb ließ nach. Schneider lehnte sich leicht aus der Deckung, um mit einem Feldstecher die Gegend auszukundschaften.

“Die müssen sich beim Lincoln Memorial eingegraben haben. Zu sehen ist nichts. Wie steht’s mit meiner Verbindung, Porter?”, flüsterte er seinen Leuten zu. Angela Porter stand über den Rucksack mit dem Satellitentelefon gebeugt und schüttelte den Kopf: “Nur weißes Rauschen, Sir. Wenn wir es von einem höheren Punkt aus versuchen könnten?”

Technik war dieser Tage weder zuverlässig noch in den meisten Fällen nützlich. Viele der Kommunikationssatelliten waren in den letzten Jahren abgestürzt und rissen klaffende Löcher ins globale Dorf. Das Internet war wieder an klassische Kabelleitungen gebunden. Eine Funkverbindung aufzubauen konnte zur Glückssache verkommen.

Auch wenn Schneider völlig ruhig blieb, so war ihm anzumerken, dass er innerlich fluchte. Er hatte ihn in sicher bald 50 Einsätzen begleitet und konnte in den faltigen Gesichtszügen lesen, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Naja, zumindest meinte er sagen zu können, wann der grimmige Hüne besser in Ruhe gelassen werden sollte. Er schien für einen Moment die Optionen abzuwiegen. Bevor er sich einmal mehr mit stoischer Ruhe an die Runde wandte.

“Also gut, unsere Mission ist weiterhin, Dr. Frederiksen und Dr. Anderson zum Nationalarchiv zu eskortieren. So wie es aussieht, sind unsere Gegner in unserem Rücken. Ich schätze, wir haben es mit einem Trupp Plünderer zu tun. Mit etwas Glück lassen sie uns jetzt in Ruhe. Dass sie unseren Rückweg abgeschnitten haben, macht die Sache schwieriger, aber ich schlage vor, wir machen wie geplant weiter. Gegen 0830 haben wir die untergehende Sonne im Rücken und die anderen einen größeren taktischen Vorteil, wir haben also unter 2h Zeit, ansonsten müssten wir auf den Einbruch der Nacht warten und kämen mit unseren Nachtsichtgeräten dann deutlich langsamer voran. Porter und Peters, Sie sichern uns nach hinten ab, Joseph und Rappaport, übernehmen die Vorhut. Bitte alle unnötigen Geräusche und Unterhaltungen unterlassen, bis wir das Gebäude erreicht haben. Unser nächster angepeilter Funkkontakt ist in einer Stunde, das erledigen wir auf dem Gebäudedach… jetzt los, los, los!”

So ging es langsam und vorsichtig voran. Richtige Deckung gab es keine, dafür war das Gelände zu eben, aber als sie den Madison Driveway erreicht hatten, bot ein Feld aus Schilf, das die einstigen Rasenflächen überwuchert hatte, ein Stück gefühlte Sicherheit. Und die angespannte Stimmung löste sich wieder etwas. Die Explosion des Hubschraubers und das Ableben seines Piloten erschien Frederiksen immer unwirklicher, so als hätte er es nur geträumt.

“Da ist das Smithsonian Museum of Natural History, da habe ich vor 20 Jahren einen Vortrag über …”, setzte er an, und wurde direkt von Schneider, der fünf Meter vor ihm lief, abgewürgt: “Ich sagte Ru…” Im selben Moment löste sich Schneiders Körper auf und verteilte Blut, Körperteile und Innereien über das Feld. Frederiksen erstarrte. Er hatte in den letzten Jahren viel Unglaubliches gesehen, aber nichts hatte ihn auf den heutigen Tag vorbereiten können.

“Minen, keiner rührt sich! Joseph? Scannen!”, übernahm Porter von hinten das Kommando. Aber das musste Frederiksen keiner zweimal sagen, er zitterte innerlich, wollte schreien, hielt es aber krampfhaft in sich, während der Pfeifton der nahen Explosion in seinen Ohren nur sehr langsam abschwoll. Auch Amy neben ihm wirkte fassungslos und bleich. Erst der Scharfschütze, oder waren es vielleicht auch mehrere, dann die Mine. Keine der bisher von ihnen untersuchten Städte war derart geschützt gewesen.

Ben Joseph hatte in der Vorhut seinen Multivisor über die Augen gezogen und scannte die Straße auf weitere mögliche Minen: “Verdammte Scheiße! Hier hat aber jemand ganze Arbeit geleistet! Ich sehe ein gutes Dutzend Minen über das ganze Feld verteilt. Wir sind bereits mitten durchgelaufen!”

Was in dieser Stadt rechtfertigte einen derartigen Aufwand und wer zum Teufel hatte ein Interesse daran, das ehemalige Regierungsviertel zu verminen?

“Okay, Joseph, suchen Sie uns einen Weg nach draußen zurück zur Straße. Nur noch einen Block, das müssen wir wohl wieder auf freiem Terrain absolvieren!” – Ihre Ruhe! Da war eben ihr vorgesetzter in kleine Teilchen zerblasen worden und sie blieb fast schon soziopathisch cool. Langsam kam Frederikson wieder auf die Beine. Mit Mühe hatte er einen Brechreiz unterdrückt – Übergeben macht sich in Schutzanzügen überhaupt nicht gut! Amy hingegen blickte weiterhin verstört auf den Fleck, wo Momente zuvor Schneider gestanden hatte.

Währenddessen hatten sich Joseph und Rappaport in Bewegung gesetzt und zu Amy und Frederiksen aufgeschlossen. “Ma’am? Sir? Bitte kommen Sie hier entlang!” Sehr langsam arbeitete sich die Gruppe die letzten Meter zum Nationalarchiv vor.

Inzwischen war die Wolkendecke aufgebrochen und ein blutroter Schleier verabschiedete den Tag. Ein brennender Himmel, wie passend, dachte der Biologe. Man musste sie inzwischen schon auf der USS Lexington vermissen oder hatte sie vielleicht schon abgeschrieben, weil der planmäßige Funkkontakt noch nicht erfolgt war. Das mit der Explosion des Hubschraubers, vielleicht dachten sie, dass alle dabei ums Leben gekommen waren? Was für ein Wahnsinnstag.

Sie waren schon häufiger auf ihren Missionen auf Plündrer gestoßen, ab und an hatte auch ihr Hubschrauber, Jeep oder Boot etwas abbekommen, aber so ausgeliefert hinter feindlichen Reihen … Dr. Eric Frederiksen seufzte laut und rang um Fassung. Er musste das taube Gefühl der Hilflosigkeit hinter sich lassen. So wie es die Soldaten taten. Zum Trauern und Verarbeiten war später noch Zeit, jetzt ging es ums Überleben und die Mission. Schließlich sollte niemand umsonst gestorben sein.

Der Rest des Weges verlief ohne weiteren Zwischenfall und auch Amy hatte sich halbwegs wieder am Riemen gerissen. Sie war tough, sie würde es schaffen. Wie in der Evolution: Du passt Dich an und überlebst, oder Du wirst gefressen oder landest unter den Rädern des Fortschritts.

Sie wechselten noch von der Constitution Avenue, über die 9th Street zur Pennsylvania Avenue und standen vor dem Gebäude des National Archivs, das imposant vor Ihnen aufragte. Efeuranken hatten sich um die massiven Säulen geschlungen und die großen massigen Türen waren schon vor Jahren aus den Angeln gesprengt worden. Mutter Natur hatte sich im ganzen Gebäude ausgebreitet und alle Schreibtische, Schränke und Kommoden sowie deren Inhalt über die Böden verteilt. Porter schickte Joseph mit dem Satellitentelefon los und ließ das Gebäude sichern, während die Wissenschaftler sich auf die Suche begaben.

Frederiksen wusste jedoch, wo genau er fündig werden würde. In einem der hinteren Büros, das genauso wie der Rest des Gebäudes verwüstet worden war, hatte ein Versteck den Plünderern standgehalten. Hinter einem Wandpanel befand sich der USB-Stick in einer Plastiktüte, wie der Informant es beschrieben hatte. Jetzt musste dieser nur die letzten Jahre Witterung und Feuchtigkeit überstanden haben und sie hatten trotz aller Verluste und Widrigkeiten ihr Ziel erfüllt. Doch dann zog ihn eine Gestalt zurück und legte den Zeigefinger beschwörend auf den Mund, bzw, das Plastikvisir. Es war Porter. In der Atmosphäre des Anzugs hatte Frederiksen es nicht bemerkt, aber da war ein lautes Motorenbrummen und Scheinwerferlicht viel durch die Glasfront von draußen herein.

Dann ging alles plötzlich ganz schnell, und ehe er sich es versah, wurde das ganze Gebäude von Soldaten gestürmt. Verstecken im Anzug war zwecklos, schon hielt eine ebenfalls in einen Schutzanzug gehüllte Figur Porter und Frederiksen in Schach. Mit einem dumpfen Schlag auf den Hinterkopf versank die Welt in einem dunklen Schemen und Dr. Eric Frederiksen verlor das Bewusstsein.

Ende Kapitel 1

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