002 – Nachtarbeit

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“Schon gut, schon gut, Arnie”, witzelte Frederiksen an einen alten Filmhelden denkend zurück und erntete nur einen verächtlichen Blick. Mühsam und vergebens kämpfte der Doktor gegen die Gurte an, nur um hilfesuchend die anderen zu fixieren, “kann mir jemand bitte mal helfen?”

Quälende Augenblicke später beugte sich seine Assistentin Amy Anderson zu ihm herunter und befreite ihn aus seiner misslichen Lage. Irgendwie kam er mit diesem Gurtkonstrukt einfach nicht zurecht. Und ihre Beschützer waren etwa so humorempfänglich, als hätte man ihnen gerade alle Weisheitszähne auf ein Mal ausgerissen. Er richtete sich in die Vertikale auf und wäre beinahe wieder umgekippt, als der Helikopter einen halben Meter über dem Lincoln Memorial Reflecting Pool schlingerte. “Hey, Moment mal! Landen wir denn nicht?”

Schneider grinste mit kaum versteckter Häme auf den Wissenschaftler herunter: “Diese gesamte Region ist Sumpf. Es ist unvermeidlich uns hier abzuseilen.” – Typischer Soldatenhumor, schluckte Frederiksen, der in seinem Leben schon vieles gewesen war, aber nie sportlich. Beim Turnen hatte er sich gerne vor allem vor Kletterübungen gedrückt und stattdessen lieber in der Bibliothek in Büchern vergraben. Abenteuergeschichten a la Alain Quatermain mit Vorliebe. Er schluckte den Klos im Hals herunter und ließ sich von Amy an einem Seil festhaken. “Wie Sie das Ende überlebt haben, ist mir schleierhaft, Sir!”.

Das stimmte wohl. So war es mehr Glück oder – wenn man mochte – Schicksal gewesen, dass Frederiksen ausgerechnet in der Woche einen Fachkongress in New Orleans besucht hatte, in der die Regierung den Ausnahmezustand erklärt und damit ein riesiges Chaos ausgelöst hatte. Frederiksen erinnerte sich noch, wie er vergeblich versucht hatte Maya anzurufen. Sie war zu jener Zeit in Washington als Beraterin im Weißen Haus gewesen. Sollte bei Abrüstungsgesprächen Einschätzungen über Biowaffenpotential von Schwellenländern – oder so was in der Art – liefern. Dabei hatte sie Wochen vorher schon so geheimnisvoll getan, dass Frederiksen fast angenommen hatte, sie hätte eine Affäre. Heute machte er sich immer noch ein schlechtes Gewissen. Sie waren nicht im Guten auseinandergegangen. Und das hier war seitdem sein erster Besuch in Washington DC. Was ihr wohl zugestoßen war?

Mit einem Schlag landete er unsanft auf dem Hosenboden in zentimeterhohem Matsch auf einer ansonsten ebenen Fläche. In der Ferne konnte er noch das Lincoln Memorial erkennen, oder das, was eine gigantische Ranke davon übrig gelassen hatte. Kaum war er wieder auf den Beinen, landete Amy neben ihm. Die Botanikerin machte bei der Landung aber eine deutlich grazilere Figur. Ob das an ihren 26 Jahren und einer gewissen Sportlichkeit lag, oder sie als Kind vielleicht sogar Balletunterricht gehabt hatte? Egal, sie ließ ihn zu jeder Zeit ihre Überlegenheit spüren, wohl als Ausgleich, weil sie seine Assistentin mimen musste.

Der Trupp mit fünf gut ausgebildeten Soldaten war bereits ausgeschwärmt und dabei das Gelände zu sichern, während der Hubschrauber mit einem letzten Überflug wieder Richtung Küste aufbrach, wo ein Flugzeugträger in der Eastern Bay vor Anker lag. Das Wetter war heute etwas trübe, wenn auch trotzdem die Temperaturen mit 35 Grad sommerliche Wärme mit sich brachten, und einmal mehr wünschte sich Frederiksen eine Klimakontrolle für seinen Anzug. Aber gut, er musste sich konzentrieren, denn sie sollten nicht zu lange hier verweilen. Durch die fast schon tropischen Temperaturen, die hier vorherrschten, hatte sich eine ganze Reihe an neuen Arten hier niedergelassen, die sonst eher in südlicheren Sumpfgebieten zu Hause gewesen waren. Und er hatte keine Lust, mit einem Alligator Bekanntschaft zu machen.

Überhaupt hatte sich das Klima auf der ganzen Welt nach Norden verschoben und durch das starke Abschmelzen der Polkappen war der Meeresspiegel um einige Meter angestiegen.

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